Pressestimmen 

Stadtgeplauder

Zwei ausgezeichnete Schulprojekte in Freiburg: Der Verein „Freiburgs lesbisches und schwules Schulprojekt" (FLUSS) und die Ausländerinitiative Freiburg erhielten gestern einen Preis - für ihr Engagement gegen Extremismus und Gewalt. Überreicht wurden die Preise von Ute Vogt. Sie ist Staatssekretärin des Innenministeriums und Beirätin im Bündnis für Demokratie und Toleranz, das den Preis auslobte. 3000 Euro geht an FLUSS, „weil gezielt aufgeklärt wird, dass Homosexualität ganz normal ist," so Ute Vogt. Die Ausländerinitiative erhält 2000 Euro für das erlebnispädagogisches (sic!) Projekt in der Karlschule in Freiburg-Herdern. „Aufklärung live" war schließlich angesagt. Als Gisela Wolf von FLUSS erklärte, was der schwul-lesbische Verein in Schulen macht, fragte ein Schüler der Karlschule mitten im Vortrag laut und deutlich: „Was heißt eigentlich schwul oder lesbisch?" Überlegenswert also die Anregung von Ute Vogt: „Vielleicht ist auch mal ein Besuch an der Karlschule angesagt." Ude

Badische Zeitung vom 4.2.2005

 

Foto (von links nach rechts): Benedikt Fuhrmans, Lydia Gilde, Christine Kopfmann (Südwind e.V.), Ute Vogt

Zur Homosexualität mehr Infos gewünscht
Am Schönauer Gymnasium nimmt man sich des Themas an

Schönau (rüf). Homosexualität gilt in unserer Gesellschaft heutzutage immer noch als Tabu- Thema. Um diesen Trend entgegen zu wirken, besuchte im vergangenen Jahr das Team von „Fluss" (Freiburgs Lesbischem Und Schwulen Schulprojekt) die zehnten Klassen des Gymnasium Schönaus. „Fluss", welches seit 1996 besteht und intensiv um Aufklärung bemüht ist, absolvierte mit den Schülern zwei Schulstunden im Gemeinschaftskundeunterricht zum Thema: „Der Einzelne in der Gesellschaft". In einer Studie, die nach dem Modellprojekt angefertigt wurde und jetzt erschien, beschrieben die Mitarbeiter von „Fluss" das Verhalten der Schüler. Die Schüler, so die Studie, seien nicht frei von Vorurteilen gewesen. Sie verfügten über wenige Informationen zu lesbischen und schwulen Lebensweisen, hätten aber den Unterricht gespannt und interessiert gefolgt. Der Studie zu Folge hätten die Mädchen der Klassen bereits mit einem anderen Gesprächspartner über homosexuelle Lebenseisen gesprochen, was bei den Jungen, so die Studie, bis dato nicht der Fall gewesen sei. Der Studie ist zu entnehmen, dass die Schüler sich mehr Aufklärungsarbeit in Sachen „Homosexualität" wünschen, da sie das Thema für alle Jugendlichen als „interessant" empfinden. Nach Meinung der Schüler sollte dies jedoch schon in den unteren Klassenstufen in sachlicher und entspannter Atmosphäre geschehen. Da die Rückmeldungen der Schüler durchweg positiv war, wird auch in diesem Jahr das Team von „Fluss" wieder für einen Unterrichtsbesuch im Gymnasium Schönau den Weg von Freiburg auf sich nehmen.

Aus: Badische Zeitung, 19.02.2004

Schulprojekt zur Aufklärung: Mythen durch Wissen ersetzen
Lesbisch- schwule Gruppe dreht einen Film über ihre Arbeit- Fortbildung über Homosexualität soll Vorurteile abbauen helfen

FREIBURG. Der Verein Fluss ist das einzige Schulprojekt in Baden- Württemberg, das Aufklärungsarbeit zum Thema Homosexualität leistet. Ziele und Methoden der Gruppe stellt ein bundesweit einmaliger Film vor. Von Sylvia Pabst

Zu Fluss, Freiburgs lesbischem und schwulen Schulprojekt, gehören 22 junge Frauen und Männer, die seit knapp sechs Jahren ehrenamtlich in Schulen und Jugendgruppen über das Thema Homosexualität informieren. Überdies bieten sie Fortbildungsveranstaltungen für Lehrerinnen und Lehrer an. Sie wissen dabei genau, wovon sie reden, sie sind selbst lesbisch oder schwul.

Wie sie bei ihrer Arbeit vorgehen und was Jugendliche und Lehrkräfte davon halten, zeigt der Dokumentarfilm „Fluss- Ein Blick zu anderen Ufern". Er soll vor allem Lehrkräften und Eltern zu Anschauungs- und Fortbildungszwecken dienen und Schulen sowie verschiedenen Bildstellen im Land zur Verfügung gestellt werden. „Wir versuchen Mythen durch Wissen zu ersetzen", erklärt die Diplompädagogin Wiebke Altrogge. Wichtig sei es, die Angst vor dem Unbekannten abzubauen, um einen wertschätzenden Umgang mit sich und anderen vermitteln zu können. Unterstrichen wird dies durch die Erfahrungen eines schwulen Schülers, wie der 35- minütige Film zeigt. Erst nachdem seine Klasse Fluss kennen gelernt hatte, hörten die verbalen Attacken seiner Mitschüler gegen ihn auf. Er fühlt sich nun akzeptiert. Der Gewalt gegen Schwule und Lesben gelte es schon im Schulhof vorzubeugen, betont Diplompsychologin Gisela Wolf. Sie zitiert eine Studie der Universität London vom Vorjahr, bei der an 300 Schulen geforscht wurde. Demnach werden 82 Prozent aller Lehrkräfte in England Zeugen homophober Diffamierungen ihrer Schützlinge, 26 Prozent bemerken tätliche Angriffe. Selten wissen die Pädagogen, wie man damit umgeht. Ähnliches gelte für Deutschland, da ist sich Wolf sicher.

Bei den Besuchen von Fluss erfahren die Jugendlichen, wie es sich anfühlt, zu einer Minderheit zu gehören. Häufig scheint es in ihrem Alltag nur heterosexuelle Menschen zu geben. Um so erstaunter reagieren sie darauf, dass manche Personen aus Politik, Film und Fernsehen oder im weiteren Umfeld offen homosexuell leben. Bei Rollenspielen versuchen sie, den Blickwinkel verschiedener Familienmitglieder einzunehmen, die mit der Homosexualität eines Sohnes oder einer Tochter konfrontiert werden.

Zu denken gibt dabei die Aussage eines Schülers. Er erklärt, dass sich die meisten Menschen zum Thema Homosexualität zwar nach außen hin offen gäben. Würden sie aber wirklich konfrontiert, gingen sie auf Distanz. Im Gegensatz dazu sei es wichtig, so betont der Lehrer Bill Schäfer in dem Video, dass Kinder und Jugendliche lernen, Menschen die anders sind, wirklich zu akzeptieren. Das Interesse an der Aufklärungsarbeit scheint groß zu sein. Die Zahl der Anfragen steige stetig, erklärt Linguistikstudent Gregor Kohls. Häufig würden Schülerinnen und Schüler bei Besuchen der Freiburger Gruppe von sich aus den Unterricht überziehen, berichtete Gisela Wolf nicht ohne Stolz, als der Film kürzlich uraufgeführt wurde.

Darüber hinaus meldete sich eine Zuschauerin, selbst Lehrerin, zu Wort, die vermutete, dass ihre Kolleginnen und Kollegen entsprechende Aufklärung noch nötiger hätten als die Jugendlichen. Dass die Aufklärungsarbeit Früchte trägt, bewies eine Elftklässlerin eines Freiburger Gymnasiums. Sie hatte im Film erklärt, sie würde vermutlich auf Abstand gehen, wenn ihre beste Freundin ihr gestehen würde, sie sei lesbisch. Als sie ihre Aussage nun auf der Leinwand vor Augen geführt bekam, äußerte sie sich erstaunt über sich selbst und fand ihr Statement im Nachhinein „ganz absurd".

Petra Enderlin und Jutta Hühner von Argus- Verein für soziale Medienarbeit Freiburg haben den 31 000 Mark teuren Film in drei Schulen und in einer Konfirmandengruppe gedreht. Finanziert wurde er von der Stadt Freiburg, der Stiftung Jugendmarke, der Hannchen Mehrzweckstiftung und dem Ökofonds Baden- Württemberg der Grünen.

Aus: Stuttgarter Zeitung Nr. 267, 19.11.2001

Gretel im Glück
FREIBURG: Das erste lesbisch- schwule Coming- out- Buch

Knackevoll war das Jos- Fritz- Café. Ein Platz am Boden war alles, was uns noch blieb. Niemand wollte fehlen bei dem Ereignis, das alle betraf. Freiburgs Lesbisches und Schwules Schulprojekt „Fluss" stellte sein bislang größtes Werk vor, das erste bundesdeutsche Coming- out- Buch. 50 (Wahl-) Freiburger, Frauen und Männer im Alter von 23 bis 51, erzählen darin die Geschichte ihres Coming out, sechs von ihnen trugen sie nun vor.

Coming out heißt „herauskommen" und meint: sich selbst und den anderen, der Familie, den Freunden, den Kollegen klarzumachen, dass man gleichgeschlechtlich liebt. Ein Kinderspiel, könnte man meinen, wenn man die heutigen Talkshows sieht, aber Exhibitionisten sind nicht die Regel. Das Coming out ist- das rufen diese ungeschminkten und bisweilen ungelenkten O- Töne eindringlicher als alle soziologischen Studien in Erinnerung- nach wie vor ein ungeheuerlicher Schritt, eine Revolution und, leider, zunächst eine Tragödie. Denn die Jungen und Mädchen zumal im kleinstädtischen und ländlichen Raum spüren ganz genau, dass sie die längst verinnerlichten Erwartungen ihrer Umgebung bitter enttäuschen; dass das, was sie sind und fühlen, mancherorts auf heftige Ablehnung stößt: Vom katholischen Katechismus, der homosexuelle Handlungen als schlimme Abirrung verwirft, ist es nur ein Schritt bis zum (sic!) eines bayerischen Kultusministers, diese Randgruppe „auszudüngen".

Natürlich fühlt sich, wer sein Coming out geschafft hat und auf Verständnis stieß, wie Hans oder so, so hätte es hier geheißen, Gretel im Glück, und mit dem nötigen Abstand lässt sich die Tragödie als Komödie darstellen. So geschehen in den ausgewählten Kabinettstückchen eines besonders souveränen Coming out, den mit stürmischem Beifall und Gelächter bedachten Draufgänger- Geschichten von fußballspielenden Mädchen und gummihüpfenden Jungs, die beim Playgirl- Schmuggeln erwischt werden und sich durch einen militanten Leserbrief an die BZ unbedacht selber outen.

Doch bei anderen, weniger glücklichen Naturen dauert allein der erste und wichtigste Schritt- das innere Eingeständnis, anders zu sein- Jahre und Jahrzehnte. Nicht selten täuschen sie sich selbst so gut, dass sie heiraten und sogar Kinder bekommen, bis sich die wahren Gefühle eines Tages nicht mehr verleugnen lassen und eine mühsam verteidigte Welt zusammenbricht. Wo Vorbilder fehlen und die eigene Neigung bekräftigende Gesprächs- und Lektürangebote, wo einer glauben muß, ganz allein zu sein, fordern Frustfraß, Drogen und Selbstmordversuche ihre Opfer.

Am schlimmsten und längsten leiden oft die Frommen, die von ihrer Kirche im Stich gelassen werden- und das sind mehr, als man glaubt. Wirklich beendet- auch das zeigt dieses Buch- ist das Coming out nie. Wie sollte es auch, solange schwules und lesbisches Leben nicht so selbstverständlich ist, wie es andere Lebensformen auch sind? Gerade darum ist dies ein mutiges und ermutigendes Buch, im besten Sinn aufklärerisch, nicht von oben herab, sondern von unten, durch die eigentlichen Experten und vergnüglich dazu. Mit anderen Worten: wie gemacht zur Lektüre an Schulen. Ludwig Ammann

Aus: Badische Zeitung, 18.12. 1998

Alphabet des Coming Out
Junge Lesben und Schwule stellen ein gemeinsames Buchprojekt vor

Als ich fünf war,/ war lesbisch nur ein Wort,/ ein ganz schweres, wie Ingenieur./ Als ich zehn war,/ war lesbisch ein Schimpfwort,/ ein ganz schlimmes, wie Fotze./ Als ich 15 war,/ war lesbisch tabu (...)"- holprige Verse, echte Verse, vorangestellt einem der Lebensberichte aus dem lesbischwulen Coming- out- Buch von FLUSS. Dieses Kürzel steht für „Freiburgs lesbisches und schwules Schulprojekt e.V.", eine Initiative von jungen Lesben und Schwulen, die zwar in dieser Republik nicht einmalig ist- in Berlin etwa gibt`s Vergleichbares-, die mit ihrem Buch aber etwas Seltenes zustand gebracht hat. Zwei Jahre hat es gedauert von der Idee bis zum Druck. Bis dahin gab es keine zeitgemäßen Bücher über diesen Prozeß, der- soviel ist klar- mit Identitätsfindung zu tun hat.

Es gibt da diesen Punkt im Leben mancher Menschen, an dem es plötzlich nicht mehr weitergeht wie bisher, an dem man stockt und sich fragt: Wer bin ich eigentlich? Meistens wird diese Krise durch eine akute Verliebtheit ausgelöst, die Verliebtheit in einen Menschen des gleichen Geschlechts. Es passiert einfach, man kann nichts dagegen tun und will es dann auch gar nicht, es ist einfach zu schön, zu neu, zu echt. Coming Out beginnt an diesem Punkt. Aber dabei bleibt es nicht. Plötzlich merkt man: Es gab Vorzeichen, es gibt Folgen. Wie sag` ich`s meinen Eltern? Den Freunden? Um die Geschichte eines Coming Out zu erzählen, muß man ein Leben erzählen.

Das Buch von FLUSS ist voll von solchen authentischen Berichten. Dabei könnten die AutorInnen noch ganz andere Geschichten erzählen. Freiburg ist nämlich nicht Berlin, wo Lehrer von der Schulsenatorin direkt aufgefordert werden, junge Lesben und Schwule zwecks wirklichkeitsnaher Aufklärung über Homosexualität in den Unterricht einzuladen. In Freiburg scheut man offenbar diese Aufklärung, obwohl erwiesen ist, daß niemand zur Homosexualität verführt werden kann, der nicht homosexuell ist.

Die lesbische, schwule und heterosexuelle Öffentlichkeit ist jetzt zur Buchvorstellung eingeladen. Dort wird dann wohl auch das ABC des Coming Out zu hören sein, in dem „a" für „arm dran" steht, „d" für „dünnhäutig", „p" für „probieren" und „w" für „warum ich".

Marc Grünlich

Aus: Zeitung zum Sonntag, 13.12. 1998