Evaluation eines Unterrichtsbesuches in Schönau im Februar 2003

Im Februar 2003 war das Team von FLUSS e.V. in der 10. Klasse des Gymnasiums in Schönau und hat dort eine Unterrichtseinheit von 2 Schulstunden angeboten. Im Rahmen eines Modellprojektes konnte ein halbes Jahr nach diesem Unterrichtsbesuch eine Evaluation der Arbeit des Projektes vorgenommen werden. Mittels einer Kombination aus qualitativen und quantitativen Verfahren wurden hierbei sowohl die Wirkungen des Schulbesuches von FLUSS auf die SchülerInnen erfasst als auch Perspektiven der Arbeit des Schulprojektes herausgearbeitet. Die Ziele der Evaluation liegen darin, die Effizienz und Zielerreichung der pädagogischen Arbeit von FLUSS zu prüfen, eine fundierte Weiterentwicklung der pädagogischen Konzepte von FLUSS zu ermöglichen, Perspektiven in Bezug auf lesbisch-schwule Aufklärungsarbeit und für Gewaltprävention an Schulen aufzuzeigen, eine Transparenz über die Wirkungen der Arbeit des Projektes für Außenstehende herzustellen, Lernprozesse anzuregen und zu dokumentieren.

Die Ergebnisse der Evaluation sollen im Folgenden kurz zusammengefasst werden:

Vor dem Unterrichtsbesuch verfügten die SchülerInnen noch über wenige Informationen zu lesbischen und schwulen Lebensweisen. Vorurteile und Klischeevorstellungen über Schwule waren in der Klasse offensichtlich verbreitet und einige SchülerInnen stellten bei sich selbst auch bewusst Vorurteile fest. Lesbische Frauen wurden von den SchülerInnen kaum wahrgenommen und dementsprechend wurden lesbische Lebensweisen auch kaum thematisiert. Bei den meisten SchülerInnen konnte ein Interesse festgestellt werden, das Thema auch im Unterricht aufzugreifen. So wünschte sich die Hälfte der SchülerInnen explizit, mehr über lesbische und schwule Lebensweisen zu erfahren.

Während die Mädchen in der Klasse auch vor dem Unterrichtsbesuch von FLUSS bereits mit anderen über lesbische und schwule Lebensweisen sprechen konnten, schienen die Jungen mehr Angst zu haben, mit anderen über das Thema zu reden. Die Jungen befürchteten offensichtlich, dass ein Gespräch über Homosexualität recht schnell in Spott und Witzeleien abgleiten würde und dass sie sich selbst dabei exponieren könnten.

Von den Mädchen und Jungen, die bereits mit anderen über lesbische und schwule Lebensweisen gesprochen hatten, berichteten einige, dass sie bei ihren Gesprächen auch auf Vorurteile und homophobe Bemerkungen ihrer GesprächspartnerInnen gestoßen waren. Diese SchülerInnen suchen nach Informationen, um Vorurteilen entgegentreten zu können. Hier kann Aufklärungsarbeit die Möglichkeiten der SchülerInnen, gegen homophobe Äußerungen zu argumentieren, stärken.

Insgesamt ist zu konstatieren, dass sich die SchülerInnen Aufklärungsarbeit über lesbische und schwule Lebensweisen gewünscht haben, die

Die Arbeit des Projektes im Februar 2003 ist vor diesem Hintergrund bei den SchülerInnen auf sehr großes Interesse gestoßen. Die Rückmeldungen der SchülerInnen waren auch ein knappes halbes Jahr nach dem Unterrichsbesuch sehr positiv. Von dem Unterrichtsbesuch sind den SchülerInnen am deutlichsten ihre Eindrücke von der guten Atmosphäre der Projektarbeit in Erinnerung geblieben. Inhaltlich werteten die SchülerInnen die Veranstaltung als sehr informativ. Am besten wurden von den SchülerInnen die Coming-out-Geschichten (und davon besonders die Erfahrungen von Lesben und Schwulen im äußeren Coming-out) erinnert. Die SchülerInnen haben offensichtlich das Bildungsangebot von FLUSS genutzt, um auch untereinander später noch über die Themen des Unterrichtsbesuchs zu sprechen. So zeigten sich in den Interviews und den Gruppendiskussionen auch diejenigen SchülerInnen über den Unterrichtsbesuch von FLUSS informiert, die selbst nicht daran teilgenommen hatten.

Insgesamt bewerteten die SchülerInnen Unterrichtsbesuche lesbischer und schwuler Schulprojekte als sinnvoll, weil dadurch Gespräche über das Thema möglich gemacht werden. Die SchülerInnen gingen davon aus, dass viele Jugendliche das Thema interessant finden und sie anderswo keine Informationen darüber erhalten.

Obwohl die SchülerInnen in den Interviews selbst davon ausgingen, dass sie nach dem Unterrichtsbesuch von FLUSS eher in der Lage gewesen wären, die Bedeutung homophober Beschimpfungen zu begreifen und sie dann auch weniger zu benutzen, sprechen die Beobachtungen des Lehrers dafür, dass sich die Häufigkeit homophober Äußerungen auch nach dem Unterrichtsbesuch von FLUSS nicht geändert hat. Es reicht also offensichtlich nicht aus, mit SchülerInnen in einer 1,5-stündigen Veranstaltung über die Auswirkungen von Vorurteilen zu sprechen, um auf Seiten der SchülerInnen hier wirklich eine Verhaltensänderung herbeizuführen.

Durch Beschimpfungen wird an der Schule ein Klima gestaltet, dass es einerseits lesbischen und schwulen SchülerInnen verunmöglicht, die Schule als einen Raum zu betrachten, in dem sie ihre soziosexuelle Identität mitteilen können. Andererseits werden so auch die Kommunikationsmöglichkeiten der anderen SchülerInnen begrenzt. Vielmehr lernen die SchülerInnen, dass homophobe Beschimpfungen ein wirksames Mittel sein können, um andere SchülerInnen (unabhängig von ihrer tatsächlichen soziosexuellen Identität) anzugehen.

Das große Interesse der Jugendlichen, an ihren eigenen Vorurteilen auch im Setting der Schule zu arbeiten, bietet allerdings hier zahlreiche Möglichkeiten, Bildungsarbeit für eine Anerkennung der Verschiedenheit zwischen Menschen zu leisten. Die SchülerInnen selbst wünschen sich, dass in den Schulen das Thema lesbischer und schwuler Lebensweise aufgegriffen wird. Sie wünschen sich Informationen über lesbische und schwule Lebensweisen und einen Abbau homophober Vorurteile. Auch forderten sie, dass lesbische und schwule SchülerInnen in der Schule genau so wie die anderen SchülerInnen behandelt werden.

Besonders SchülerInnen mit wenig Wissen über Homosexualität scheinen von der Arbeit lesbisch-schwuler Aufkläungsprojekte zu profitieren. Wenn SchülerInnen lernen, sich in die Lebenssituation von Lesben und Schwulen einzufühlen, verbessern sie ihre Empathiefähigkeit und lernen auch, homophobe Haltungen durch Wissen zu ersetzen. Durch das Einbringen des Themas in den Unterricht und damit auch in den sozialen Klassenverbund können SchülerInnen für eine liberalere Haltung auch soziale Unterstützung erfahren. Dies gilt besonders bei einem guten Klassenklima, wie es auch von den SchülerInnen der 10. Klasse des Gymnasiums Schönau beschrieben wurde. Einstellungsänderung in Richtung einer größeren Akzeptanz und Offenheit für die Verschiedenheit von Menschen können, wenn sie im Klassenverbund erworben werden, besser erhalten werden.

Die Thematisierung von Geschlechterrollen und lesbischen, schwulen und transgender Lebensweisen nützt allen SchülerInnen, weil sie ihr Bewusstsein, ihre Empathie und ihre Akzeptanz für Menschen fördert, die sonst als „anders" und „fremd" konstruiert werden.